Vom 8. bis zum 10. Juli sind wir in der Ref. Kirche Marthalen in Klausur gegangen und haben zusammen mit Andreas Bertram von Spektral Records Regensburg unsere zweite Studio-CD mit den Zürcher Vokalisten aufgenommen (CD-Taufe am 11. November). Hinter dem Titel „Nordlichter“ verbirgt sich bekannte wie unbekannte Skandinavische Chormusik des 20. und 21. Jhs. aus Norwegen, Schweden und Finnland.

Von den klassischen Spätromantikern haben wir zwei kurze Lieder des finnischen Altmeisters Jean Sibelius ins Programm aufgenommen, von seinem etwas jüngeren Landsmann Toivo Kuula das berühmte Stück Auringon noustessa („Sonnenaufgang“), vom Schweden Hugo Alfvèn (1872 bis 1960) das Pendent dazu: Aftonen („Der Abend“).

Nach diesen Spätromantikern haben zwei Komponisten die klassische Musikszene in Skandinavien seit Mitte des 20. Jhs. maßgeblich mit beherrscht und sind erst in diesen Tagen verstorben: der eine, Knut Nystedt (geb. 1915), Ende 2014 mit fast 100 Jahren, der andere, Einojuhani Rautavaara (geb. 1928), erst vor 4 Wochen. Vom Norweger Knut Nystedt haben wir den Klassiker „O Crux“ realisiert, eine ausdrucksstarke Meditation über das Kreuz, und vom Finnen Einojuhani Rautavaara Die Erste Elegie nach einem Text von Rainer Maria von Rilke. Rilke hatte seine so genannte Erste Duineser Elegie 1912 auf Schloss Duino verfasst. Rautavaara war bereits in seiner Jugend mit dem Text in Kontakt gekommen und hat ihn 50 Jahre mit sich getragen, bevor er ihn in einem Exzerpt 1993 vertonte – ein großartiger Wurf, der Kammerchöre an ihre Grenzen führt. Seitdem ich dieses faszinierende Stück vor etwa 15 Jahren kennengelernt habe, hat es mich tief berührt und nicht mehr losgelassen. Bei unser Konzertreise vor zwei Jahren nach Slowenien haben wir übrigens einen kleinen Abstecher zum Schloss Duino an der Adria gemacht.

Die übrigen Werke wurden von noch lebenden Zeitgenossen komponiert – oder arrangiert wie im Fall des schwedischen Volkslieds Vem kann segla von Robert Sund (*1942) oder wie im Fall eines sehr speziellen Arrangements des schwedischen Chorals I himmelen durch Karin Rehnqvist (*1957). Rehnqvist greift hier auf die Technik des Kulning zurück, einer skandinavischen Variante des Almjodelns, angereichert mit Glockenassoziationen. Auch der von uns aufgenommene Klassiker Pseudo-Yoik des finnischen Komponisten Jaakko Mäntyjärvi (*1963) sucht bewusst die Anlehnung an einen konkreten nordischen Volksgesang, nämlich an den nasalen Yoik der nordskandinavischen Samen.

Unter den Kompositionen befinden sich einige Werke auf Texte von William Shakespeare, darunter das jazzig angehauchte Stück „Shall I compare“ des schwedischen Jazzpianisten Nils Lindberg (*1933), „O weary night“ und „Tomorrow and tomorrow“, zwei Kompositionen aus einem Zyklus des Finnen Juhani Komulainen (*1953), „Come away, death“ und „Lullabye“ aus einem Zyklus wieder Jaakko Mäntyjärvis. Eine weitere Shakespeare-Vertonung des gleichen Komponisten ist auch der für uns und den Chamber Choir Ireland 2016 vertonte Prologue to ‚Romeo und Juliet‘, der auf unserer CD zum ersten Mal aufgenommen wurde.

Zu guter Letzt finden sich noch drei zum Teil recht neue Vertonungen des in den letzten Jahren berühmt gewordenen norwegischen Komponisten Ola Gjeilo auf der CD: Ubi caritas (1999), Northern Lights (2009) und Second Eve (2012). Gjeilo gelingt es in diesen Stücken sehr gekonnt, klassische Vokalmusik mit Elementen meditativer Jazzmusik zu verbinden.